Interkulturelles Philosophieren: Theorie und Praxis 2016/17

Unter interkulturellem Philosophieren wird die Bemühung verstanden, in die philosophischen Diskurse Beiträge aller Regionen, Kulturen und Traditionen als gleichberechtigt einzuflechten. Dabei sollen diese nicht nur vergleichend nebeneinander gestellt, sondern so in einen offenen gemeinsamen Raum gebracht werden, dass alle Positionen in diesem polylogischen Gespräch für Veränderungen offen gehalten bleiben. Interkulturelles Philosophieren ist somit keine bestimmte Theorie, Disziplin oder Schule, sondern steht für eine Neuorientierung in der Praxis des Philosophierens.

Der bereits seit 1993/94 bestehende Arbeitskreis am IWK versteht sich dabei als ein Forum für einen solchen philosophischen Polylog, in dem nicht nur das Gespräch zwischen verschiedenen philosophischen Traditionen im Vordergrund steht, sondern auch die Anknüpfungspunkte mit der lebensweltlichen Praxis. Aus diesem Grund stehen in diesem Semester Fragen der Identitätspolitik, der Migrationspolitik und der Umweltethik im Zentrum der philosophischen Gespräche.

Semester-Schwerpunkt WiSe 2016/17:

Grenzen im Denken Europas. Mittel- und osteuropäische Ansichten 

Mittel- und Osteuropa zeichnen sich durch eine große Sprachenvielfalt, durch ethnische Heterogenität und religiös-konfessionelle Durchmischung aus. Welchen Einfluss haben diese Faktoren – zusätzlich zur bewegten Geschichte des letzten Jahrhunderts – auf die Identitätsbildung, und was heißt es, ein/eine Mitteleuropäer_in oder Osteuropäer_in zu sein? Welche Selbstbilder teilen Mittel- und Osteuropäer_innen, und korrespondieren diese überhaupt mit den Bildern, die die anderen Europäer_innen von ihnen haben? Welche Werte verbinden oder aber trennen die verschiedenen Regionen Europas? Gibt es eine mittel- bzw. osteuropäische Solidarität, und gibt es so etwas wie gemeinsame mittel- bzw. osteuropäische Handlungs- und Denkmuster, oder ist Mittel- bzw. Osteuropa bloß ein intellektuelles Konstrukt? Nicht zuletzt: Wie unterscheidet sich das Denken von Philosoph_innen aus Mittel-/Osteuropa von dem westlicher Philosoph_innen? Welche Debatten stehen im Vordergrund etwa der politischen, feministischen und interkulturellen Philosophie?

Koordination und Organisation: Mădălina Diaconu: Privatdozentin am Institut für Philosophie und am Institut für Romanistik der Universität Wien, Redaktionsmitglied der Zeitschrift »polylog« und Vizepräsidentin der WiGiP. Bianca Boteva-Richter: Lektorin am Institut für Philosophie der Universität Wien, Redaktionsmitglied der Zeitschrift »polylog« und Vorstandsmitglied der WiGiP.

Eine Kooperation von: Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (WiGiP), Institut für Romanistik der Universität Wien, OeAD-Kooperationsbüro Lemberg/Lwiw, Österreichisch-Rumänische Gesellschaft, IWK

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Do., 26.1.2017, 19.00 Uhr, IWK, Berggasse 17, 1090 Wien

Andriy Dakhniy (Lwiw):

Die Ukraine zwischen Europa und Russland (aus geschichtsphilosophischer und interkultureller Sicht)

Die dramatische Entwicklung in der Ukraine ist in hohem Maße durch den ambivalenten Charakter ihrer Geschichte und durch die mentale Aufspaltung verschiedener Teile des Landes bedingt, die aus der längeren Zugehörigkeit der Bevölkerung zu ganz unterschiedlichen staatlich-politischen, soziokulturellen und mentalen Systemen resultiert. Von Heideggers Begriff des Zwischen und von Huntingtons Konzeption des »Kampfes der Kulturen« ausgehend wird im Vortrag der Versuch unternommen, die ukrainische Identität im Lichte der geographischen sowie der historischen »Position« des Landes zwischen Europa und Russland darzustellen und das Spezifische an ihr sowohl in geschichtsphilosophischer als auch in interkultureller Hinsicht zu untersuchen. Zudem wird der Vortrag den sogenannten »Euromaidan« als einen besonders starken Anstoß zur »Europäisierung« interpretieren und im Besonderen auch auf die Stadt Lwiw/Lemberg eingehen.

Andriy Dakhniy: Universitätsdozent an der Fakultät für Philosophie der Iwan-Franko-Universität zu Lwiw/Lemberg, Ukraine.

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Frühere Veranstaltungen des Arbeitskreises

im ARCHIV

 

NEU: Wiener Forum interkulturellen Philosophierens

‘Achsenzeittheorie - gestern und heute'

24. & 25. Februar 2017

Mit dem neuen Forum, das von der Wiener und der allgemeinen Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (WiGiP und GIP) gemeinsam mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst/Wien organisiert wird, soll ein Ort des regelmäßigen Austauschs und der Diskussion über Fragen aus dem Bereich der interkulturellen Philosophie geschaffen werden. Geplant sind jährlich stattfindende zweitägige Workshops in Wien ab 2017. Am ersten Tag steht jeweils ein Thema im Zentrum der Diskussion; am zweiten Tag können unterschiedliche Projekte und Thesen vorgestellt werden. Das Forum versteht sich auch als Begegnungsort zwischen den verschiedenen Generationen interkulturell orientierter Philosoph_innen.

Zeit: 24.2. 2017, 9:00 bis 25.2. 2107, 17:00 Uhr

Ort: Universität Wien

1. Tag: Achsenzeit gestern und heute

Gastvorträge:

Prof. Dr. Jan Assmann (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiner Roetz (Bochum)
Dr. Rainer Schulzer (Tübingen)

PROGRAMM

 

Die Achsenzeittheorie von Karl Jaspers bildete in der Anfangsphase der „interkulturellen Philosophie“ eine wichtige Rahmentheorie (Ram Adhar Mall, Heinz Hülsmann, Franz Martin Wimmer). Mit der Annahme von mehreren Geburtsorten der Philosophie (Indien, China, Europa) konnte der Exklusivitätsanspruch der europäischen Philosophie aufgebrochen werden. Inzwischen ist die Achsenzeittheorie sowohl in der interkulturellen Philosophie als auch in den Kulturwissenschaften zum Gegenstand vielfacher Kritik und zahlreicher Revisionen geworden.

In der interkulturellen Philosophie stellen sich unter anderem folgende Fragen: Wird mit der Achsenzeittheorie den philosophischen Aufbrüchen in anderen Weltregionen nicht doch wieder ein eurozentrisches Schema übergestülpt? Fallen wichtige philosophische Strömungen – wie z.B. die afrikanische oder die lateinamerikanische Philosophie – aus dem Achsenzeitschema heraus? In welchem Sinn wirken die interkulturellen Aufbrüche der Achsenzeit in den Philosophien der Neuzeit nach? Wie können Jaspers‘ Hinweise auf eine zukünftige ‚Zweite Achsenzeit’ in der interkulturellen Philosophie aufgenommen werden?

Die Kulturwissenschaften haben vor allem die Chronologie von Jaspers‘ Achsenzeit problematisiert. Da die Ungleichzeitigkeit und Heterogenität von geistigen Aufbrüchen chronologische Fixierungen unmöglich zu machen, sprechen manche Kulturwissenschaftler nicht mehr von der Achsenzeit, sondern von der Achsenzeitlichkeit („axiality“) als Charakteristikum bestimmter Kulturen. Darüber hinaus überwiegt in den historischen Wissenschaften eine allgemeine Skepsis gegenüber der „Vogelperspektive“ (A. Assmann) globalgeschichtlicher Konzeptionen.

Vor diesem Hintergrund scheint es angebracht zu sein, die Achsenzeittheorie innerhalb der interkulturellen Philosophie auf den Prüfstand zu stellen. Was kann sie leisten? Worin kann sie anregend, worin kann sie hinderlich sein? Gibt es alternative Theorien?

2. Tag: Offene Diskussion verschiedener Themen

Am zweiten Tag des Forums besteht die Möglichkeit, papers zu verschiedenen Themen interkulturellen Philosophierens einzureichen. Darüber hinaus können auch laufende Forschungsarbeiten oder –projekte vorgestellt werden.

Anmeldung

Anmeldung zur Teilnahme (ohne paper) und Einreichungen für Kurzreferate bzw. Präsentationen (jeweils bis 15.1. 2017) an:

a.o. Prof. DDr. Hans Schelkshorn (johann.schelkshorn(at)univie.ac.at)

Tel.: +436646027730703

Dr. Tony Pacyna (tony.pacyna(at)wts.uni-heidelberg.de)

Tel.: +49 6221 54 3288

Organisatorische Hinweise: Das „Wiener Forum interkulturellen Philosophierens“ kann weder Fahrt- und Nächtigungskosten noch Honorarkosten übernehmen. Für Teilnehmer_innen werden Hinweise für günstige Hotels in der Nähe des Tagungsortes gegeben.

Konferenzen und Tagungen in Kooperation mit der WiGiP 2016/17

 

10.-11. Juli 2017: 23rd ISAPS Conference (International Society for African Philosophy and Studies, Wien-Vienna)

African Philosophy in an Intercultural Perspective

CALL FOR PAPERS

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RÜCKBLICK 2016

2.-3. Juni 2016:

Deutsche Philosophie und Afrika (Wien)

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21.-24. September 2016:

Kraft, Macht und Gewalt der Bilder in interkultureller Perspektive - Philosophische und interdisziplinäre Zugänge (Wien)

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ARCHIV

Weitere Veranstaltungshinweise 2017

6. Interkulturelles Interdisziplinäres Kolloquium, polylog Forum für interkulturelle Philosophie e.V.: Katholische Hochschule Freiburg, 11.–13. Januar 2017

Flucht und Migration

Interkulturell philosophische Perspektiven

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RÜCKBLICK 2016

Institutstag Philosophie:  FU Berlin, 17. November 2016

Globale Philosophie?

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Tagung: Univ. Hildesheim, 6.-8. Oktober 2016

Philosophiegeschichtsschreibung in globaler Perspektive

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Tagung: Humboldt-Univ. Berlin, 4.-5. Juli 2016

Interkulturelle Philosophie - Mehrsprachigkeit und Verstehen

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